Dunkerque, Bologne-Sur-Mer, (Kontrolle), Fecamp


Nach 3 Tagen in Dünkirchen scheint die Wettervorhersage eine Passage des Cap Grinez, der engsten Stelle am Eingang des Ärmelkanals zwischen Frankreich und England, zu erlauben. Die Vorhersage in allen Portalen sagt Winde aus Süd-West mit etwa 10..14kn vorraus. Damit kommt der Wind von Land und man könnte eigentlich sogar segeln.

Trotzdem sollte man die Zeit nicht aus dem Auge verlieren, denn in diesem Nadelöhr des Kanals kann der Strom mit bis zu 4,5 kn stehen. Schön, wenn das Ganze in die Richtung passiert, in die man auch will :)

Die Vorhersage war nicht perfekt, aber das recht laute Ambiente von Dünkirchen ging uns langsam auf die Nerven. Also Leinen los und auf geht's kurz bevor der Gezeitenstrom Richtung Süd-West kippt.

Kap Blanc-Nez bei Callais

Mit dem Moment, als wir die Hafenausfahrt passiert haben, wussten wir, daß die Windvorhersage nicht stimmt. Die 4..5 Windstärken aus Nordwest hatten eine unangehme Welle aufgebaut, in die Selene regelmäßig einrastete und praktisch stehen bleiben ließ. An segeln war nicht zu denken. Vor Calais haben wir kurz überlegt abzubrechen, aber in dem Moment ließen Wind und Welle nach und Selene rauschte mit guten 7,5 kn Richtung Kap Gri-Nez - natürlich immer noch mit dem Wind auf der Nase.

Kap Griz-Nez in der Abendsonne, nur 15 sm gegenüber liegt Dover

Vor Bologne-Sur-Mer war es mittlerweile schon stockfinster, als der Strom kippte und wir den Hafen angesteuert haben. Den in allen Portalen und Hafenhandbüchern empfohlene Funkspruch mit dem Hafenamt bei Einfahrt in die Hafenanlage hätte ich mir auch sparen können. Am nächsten Tag erfuhren wir hierzu, daß die 3 Fährterminals, die man auf dem Weg zum Yachthafen entlang eines relativ schmalen Kanals passieren muss vor ca. 12 Jahren gebaut wurden, aber nie in Betrieb gegangen sind.

Ro-Ro-Fährterminals dienen nur noch als Nistplätze für Seevögel ... immerhin

In Bologne-Sur-Mer liegt der Tidenhub schon bei guten 7,5 m, sodaß bei Niedrigwasser gerade mal 2,2 m unter dem Kiel von Selene übrig bleiben, bei Spring-Niedrigwasser würde sie aufsitzen.

Wassertief ca. 8,60 m - eine Stunde nach Hochwasser

Wassertiefe ca. 3,90 m, eine Stunde vor Niedrigwasser

Der Hafen liegt zwar inmitten des großen Industriehafens, aber man hört sehr wenig Industrielärm und sieht auch keine großen Dampfer herumfahren. Später erfahren wir bei einer Führung im "Belfroid de Bologne sur Mer" (Glockenturm von Boulogne), daß die Stadt eine sterbende sei, da die Fährverbindungen von England nach Calais verlegt wurde und die Industrie im Hafen rückläufig sei. Eigentlich sei der Tourismus immer das Zugpferd gewesen, jedoch ist die Stadt durch Ermangelung gescheiter Anbindungen nicht auf der Route vieler Touristen. Schade, denn ich fand das Flair echt schön. Nur mit einem groben Stadtplan und einigen Infos aus dem Netz bewaffnet erkunden wir die hoch über dem Hafen gelegene Altstadt von Boulogne. Ein kurzer aber beindruckender Besuch der vor zwei Jahren aufwendig restaurierten Krypta der "Basilique Cathédrale Notre-Dame de l'Immaculée Conception", kurz der Kathedrale, ersetzt den Besuch der Kirche, da diese leider geschlossen ist. Weiter gehts zum Glockenturm. Auch dieser hat noch nicht geöffnet, also müssen wir die Zeit bis dahin irgendwie totschlagen ... da bietet sich doch der Besuch einer Pâtisserie an und wir genießen die Pause mit leckeren französischen Teilchen. Die reichlich einstündige Führung auf den Belfroid, den Glockenturm ist mit 2 € echt erschwinglich und unglaublich informativ. So erfahren wir auch den für die Franzosen so wichtigen Unterschied zwischen einem "städtischen" Belfroid/Glockenturm und dem eines Kirchen- oder Wehrturmes. Demnach steht ein "Belfroid für die Macht der Stadt bzw. der Einwohner und gibt den städtischen Takt vor, wie Uhrzeit oder Gefahrenwarnung, während ein kirchlicher Glockentur als Symbol für die Macht des Klerus im Mittelalter galt und der Tagesrythmus der Religion folgen musste. Dazu finden sich Glocken- und Wehrtürme häufig an mittelalterlichen Bastionen und Schlossanlagen, welche wie man sich denken kann die Macht der Monarchen abbildeten. In vielen Städten ist daher der städtische Belfroid der höchste oder wurde einfach so lange aufgestockt, wenn es die politische Lage zuließ, bis er die andern überragte.

[ Basilique Cathédrale Notre-Dame de Boulogne sur Mer

Krypta der Basilique Cathédrale Notre-Dame

Kreuz aus dem 15. Jh

der große Saal unter dem Hauptschiff der Kathedrale

unter der Apsis der Kathedrale

Sakopharg von Abt Haffreingue, der die Krypta Anfang 19. Jh erst in dieser Größe errichten ließ

Capitain Bom-Martin und die leckeren französischen Teilchen

Das Highligth des Tages, was wir vorher leider nicht wussten ist, dass es in Boulogne das größte Ozeanium Europas, mit einem Becken von 60x30x8m gibt - das Nausicaá de Boulogne sur Mer (https://www.nausicaa.fr/). In diesem Becken befinden etwa 10.000 Fische, die sich in 56 Fischarten teilen lassen. Das Unterwassergelände ist karg und schroff, da es ein Tiefwasserriff darstellen soll. Es war 17:30 und das Ozeanium schließt 20 Uhr. Damit hat der Eintritt von gut 21 €/p.P. anfangs ganz schön weh getan, war aber jeden Cent wert, wie sich später herausstellen sollte.

Das große Becken kann man von allen möglichen Winkeln und Ecken durch Fenster betrachten. Highlights sind auf jedenfall der 18 m lange Tunnel durch das Becken und das riesige Panoramafenster (20 x 5 m) vor der man das Ambiente wie auf einer "Kinoleinwand" auf sich wirken lassen kann. Und genau das haben wir dann auch gut anderthalb Stunden gemacht, nachdem die letzten trampelnten und quäkenden Kinder den Saal verlassen hatten und wir mit dem Aufsichtspersonal das Museum als letzte verlassen mussten ;). Es war unglaublich faszinierend, beeindruckend und wunderschön, diese Unterwasserwelt auf sich wirken zu lassen! Wer einmal in der Nähe von Boulogne ist, sollte dem Nausicaá unbedingt einen Besuch abstatten.

im Nausicaá

der 18 m lange Tunnel

im Panoramasaal

Im Ärmelkanal muß man sich anscheinend angewöhnen die kurzen Nicht-Westwind Wetterfenster zu nutzen. Ein Veto gibt es und das hat die Tide.

Also ging es in aller Herrgottsfrühe um 5 Uhr am Sonntag Morgen weiter Richtung Westen. Am Abend hatten wir noch ausgiebig die Wettervorhersagen studiert und nach einigem Hin und Her entschieden, nicht Dieppe als nächstes anzulaufen sondern das für die kommenden Tage relativ lange und einzige Wetterfenster von ungefähr 26 h, in denen ausnahmsweise mal kein straffer West-/Südwestwind angesagt war, für den direkten Weg nach Cherbourg zu nutzen ... auch wenn ich (die Crew) der Sache sehr skeptisch gegenüber stand, ist es den Versuch in Anbetracht der Zeit wert. Nach den bishergen Erfahrungen mit Routen > 100 sm beginnt so ein Schlag meistens erst wie angesagt jedoch haben wir dann häufig, eigentlich immer, nach der Hälft der Strecke ordentlich auf die Fr..se bekommen.

Neptun scheint uns an diesem Vormittag durchaus gewogen zu sein und so kommen wir auch Dank des Gezeitenstroms mit ∼ 7,5 - 8 kn in den ersten 6 Stunden gut voran. Gegen 11 Uhr ist die Rauschefahrt dann leider schon vorbei, die Strömung läuft gegenan und der Wind schläft auf mickrige 3- 6 kn ein. Dümpelei vom Feinsten! Mit SOG von nur noch 2 kn werden wir Cherbourg keinesfalls in der vorgesehenen Zeit erreichen und somit auf das nächste (starke) Westwindfeld treffen ... naja, mal abwarten, irgendwann läuft die Strömung ja wieder mit uns. Aber erstmal bekommen wir Besuch von der französischen Coastguard bzw. vom Zoll. Deren Boot schleicht schon seit ca. 2 Stunden um uns herum, fährt dicht auf, fällt wieder ab, wendet, kommt erneut näher .... wahrscheinlich haben die Beamten erstmal ausgeknobelt, wer den Ausflug auf das Segelschiff machen darf. Nach kurzem Funkkontakt und der Ankündigung dass in gleich eine Kontrolle durchgeführt wird, sitzen 4 Zollbeamte in unserm Cockpit. Die Befragung erfolgt überaus höflich und freundlich und es wirkt auf uns tatsächlich so, als wäre dies ein willkommener Betriebsausflug. Wenig später gehen zwei Beamte unter Deck und richten bei ihrer Suche ein heilloses Chaos an, wobei mir der Beamte der die nicht allzu geräumige Bugkoje und derren Backskisten inspizieren soll, ganz schön ins Schwitzen kommt. Dementsprechend genau wird nachgeschaut: Bei dem Versuch die großen und schweren Segelsäcke aus der Backskiste zu hiefen ist es anscheindend schon vorbei mit der Gründlichkeit und die Herren begnügen sich damit nur die gut zugänglichen Schaps zu öffnen. Das eigentliche Problem und Grund der Ispektion ist wohl eine Unstimmigkeit mit den AIS-Angaben. Angeblich sei unter der Registrierungsnummer der Bundesnetzagentur zu unserer MMSI ein anderer Schiffsname hinterlegt ... keine Ahnung, was die Beamten da recherchiert haben?! Als die 3 Herren und der Dame, der zwischenzeitlich schlecht wurde, unser Boot wieder verlassen haben überprüft Martin natürlich nochmal die Funkanlage und das AIS ... alles in Ordnung. Den Vorwurf, unsere Funkanlage wäre falsch registriert bzw. das AIS funktioniert nicht ordnungsgemäß kann mein Skipper natürlich nicht auf sich sitzen lassen!

kein AIS angezeigt, kann also nur was Offizielles sein

nach der Inspektion, nochmal freundlich Winken

17:30 hat Selene dann wieder richtig Fahrt aufgenommen, 13 - 15 kn Wind aus West und die Strömung lassen Selene mit 7,5 kn über die Wellen hüpfen. Wir fahren zwar so hoch es geht am Wind, werden aber bei dem jetzigen Kurs von ca. 230° nicht in Cherbourg aufschlagen, maximal Barfleur oder St. Vaast-la-Hough ohne Aufkreuzen erreichen. Mit dem auffrischenden Wind setzt auch die bekannte, hohe Dünung ein, Selene kämpft sich unter knarzen durch die Wellen, das Fortbewegen unter Deck wird langsam anstrengend, alles rutscht hin und her ... bis Cherbourg oder Barfleur würde das noch wenigstens 12 h so weiter gehen.

20:00 Le Havre? Fecamp? Le Havre? Fecamp? Le Havre? Fecamp? Fecamp! Wir haben uns entschieden mit Halbwind Kurs auf die Küste zu nehmen und Fecamp anzulaufen. Allerdings handelt es sich hierbei um einen tidenabhängigen Hafen und nach der verbleibenden Strecke kommen wir haargenau bei Niedrigwasser an ... toll! Nach einiger Rechnerei sind wir uns dann aber (fast) sicher, dass wir zumindest im Vorhafen genug Wasser unterm Kiel haben sollten. Also wird Selene auf langsame Fahrt getrimmt und mit einer beängstigend hohen bzw. starken Dünung ca. 1 Stunde später in die Hafeneinfahrt gespühlt.

auf langsame Fahrt voraus getrimmt

Obwohl wir die Maschine im Leerlauf tuckern lassen, machen wir noch immer 5 kn Fahrt als wir durch die Molenköpfe in den Hafen geschoben werden. Im Vorhafen herrscht eine unerwartet starke Strömung wodurch das Festmachen an den quitschenden, knarzenden und enorm schaukelnden Schwimmstegen im Dunkeln ne echte "Challegne" wird. Von den im Hafenplan eingezeichneten Wartepontons für das Haupthafenbecken ist weit und breit nichts zu sehen. So hängen wir an den für uns zu flachen Schwimmstegen im Vorhafen und hoffen inständig, dass das Tor zum tieferen Yachthafen auch tatsächlich um 22:45 öffnet - wenn nicht haben wir ein riesiges Problem beim nächsten Niedrigwasser. Aber alles geht gut, das Tor öffnet sich. Wir machen in der Marina fest, genau genommen 2 mal in der Nacht und noch zweimal am nächsten morgen ... kurz erklärt: es wäre so Vieles einfacher, wenn man wie in der Ostsee grüne bzw. rote Schilder an den Liegeplätzen anbringen würde...

der flache Vorhafen, hinter der Schleuse der Yachthafen

Hafeneinfahrt am Cap Fagnet

"... Vorsicht bei starkem W-Wind vor starker Strömung und Dünung.." genau mein Humor

Vorraussichtlich werden wir bis Donnerstag bleiben und mit dem vorhergesagtem kurzen NW-Windfenster einen Anlauf starten, nach Cherbourg zu kommen.



Comments 2


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~Smartsteem Curation Team

03.09.2019 17:53
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Heh, thanks for the upvote @smartsteem

04.09.2019 11:51
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